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Seit nun 29 Jahren ist und bleibt das grösste und älteste Bündner Filmfestival ein Fixpunkt auf der kulturellen Agenda des Kantons. In der Woche vom 29. Oktober bis 3. November 2019 hat das Programm, zusammengestellt vom Organisationskommitee Regina Conrad, Notta Caflisch, Thomas Keller und Ueli Soom, wieder zahlreiche Filmbegeisterte von nah und fern ins Kino Rätia gelockt. Gezeigt wurden preisgekrönte Filmperlen, Filmgespräche mit engagierten RegisseurInnen und Filmvorführungen eigens für Kinder und Jugendliche. Thematischer Schwerpunkt war die Gleichberechtigung der Frau, mit zahlreichen Werken von Filmemacherinnen und über unterschiedliche Frauenschicksale.
Während grosse Festivals Erklärungen wie die «Internationale Charta für Gleichstellung und Diversität bei Filmfestivals» unterzeichnet haben, in ihrer Programmierungspraxis der Gleichberechtigung aber noch hinterherhinken, machen die kleinen Weltfilmtage Thusis Nägel mit Köpfen. Mit der Wahl der Churer Künstlerin Notta Caflisch herrscht seit 2019 auch im kuratierenden Organisationskommitee Geschlechterparität. Das hat sich im Programm der 29. Ausgabe niedergeschlagen. Von den gut 40 Filmen wurden ziemlich genau die Hälfte von Frauen realisiert und erzählen Geschichten von Frauen im Kampf um die Gleichberechtigung. Gleich fünf Filmemacherinnen präsentierten ihr Werk persönlich in Thusis und stellten sich danach den Fragen des Publikums. Vor vollem Saal und im Gespräch mit der Moderatorin Maria Helena Nyberg berichtete so die Regisseurin Teona Strugar Mitevska, die sich explizit als FEMARTIVIST definiert, wie sie Feminismus und künstlerische Arbeit kombiniert um sich gegen die patriarchale Ungerechtigkeit in ihrer Heimat Mazedonien zu engagieren. Ihr Spielfilm «God Exists, Her Name is Petrunya», basiert auf einer wahren Geschichte und erzählt von der 30jährigen Petrunya, die sich an der traditionellen Dreikönigsprozession beteiligt obwohl diese für Frauen verboten ist. Dem Skandal stellt sich Petrunya mit gesundem Menschenverstand. Laut Teona Strugar Mitevska sorgte dieser Film in Mazedonien für viel Aufsehen und vermochte sogar die Frauen auf ihrem Weg zur Gleichstellung zu unterstützen.
Maria Helena Nyberg und Teona Strugar Mitevska
Die iranisch-deutsche Regisseurin Narges Kalhor stellte ihren neusten Film «In the Name of Scheherazade or the first Beergarden in Tehran» vor. Ein Film der auf humorvolle Weise mit den konventionellen Erwartungen des Publikums gegenüber eines «Migrantinnen-Films» spielt. Erwartungen, mit denen Narges Kalhor in ihrem Arbeitsleben täglich konfrontiert wird, wie sie unter anderem im angeregten Filmgespräch mit der Moderatorin Flurina Badel erzählte. Gleich vier Filmgespräche meisterte die Deutsche Frauenrechts-Aktivistin und Drehbuchautorin Claudia Schaefer. Zweimal tauschte sie sich mit Oberstufen-SchülerInnen aus der Region über ihr Spielfilmdebut «Weil ich schöner bin…» aus, den sie auch den FestivalbesucherInnen im Filmgespräch mit Flurina Badel näherbrachte. Und im Gespräch mit Maria Helena Nyberg erzählte Claudia Schaefer eindrücklich über die Entstehung ihres zweiten Spielfilms «Naomis Reise».
Narges Kalhor, Claudia Schaefer
Die Schweizer Regisseurin Ulrike Koch reiste mit ihrem Schlüsselwerk «Die Salzmänner von Tibet» aus dem Jahre 1997 an: als Hommage an den kürzlich verstorbenen Schweizer Kameramann Pio Corradi, der mehrmals an den Weltfilmtagen zu Gast war. Der Film dokumentiert mit atemberaubenden Bildern den alljährlichen Treck von tibetischen Nomaden zusammen mit ihren Yaks zu den grössten Salzseen der Erde. Da man im Tibet damals offiziell nicht drehen durfte, verwendete Pio Corradi für diesen Film eine der ersten digitalen Kleinkameras. Über diese innovative Entscheidung und über andere Facetten ihrer wunderbaren Zusammenarbeit sprach Ulrike Koch im Anschluss der Vorführung mit dem Moderator Daniel von Aarburg.
Pio Corradi, Daniel von Aarburg und Ulrike Koch
Samir und Daniel von Aarburg
Die Schweiz war zusätzlich mit einem Spiel- und vier Dokumentarfilmen vertreten, die alle den Blick über die Landesgrenzen hinaus wagen: mit Spannung erwarteter Höhepunkt war dabei «Baghdad in my Shadow», der neue Spielfilm des schweizerisch-irakischen Filmemachers Samir, der in einer Vorpremiere und in Anwesenheit seines Regisseurs gezeigt wurde. Nicht nur der Film begeisterte den ausverkauften Kinosaal, auch im Filmgespräch danach teilte Samir sein grosses Talent als Geschichtenerzähler mit dem Publikum.
An den Weltfilmtagen gab es wie jedes Jahr zahlreiche Film-Trouvaillen aus der ganzen Welt zu entdecken: etwa die wahre Geschichte von der jungen Pressefotografin Camille Lepage. Der Film «Camille» von Boris Lojkine wurde am Filmfestival von Locarno kürzlich mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Oder der sinnlich-poetische Film über die Geschichte der 14jährigen May aus dem Thailand des 19. Jahrhunderts «The third wife», womit die junge vietnamesische Regisseurin Ash Mayfair letztes Jahr das wichtige Toronto Filmfestival gewonnen hat. Weiter die sympathische Komödie aus der israelisch-palästinensischen Konflikt-Zone «Tel Aviv On Fire» mit dem Hauptdarsteller Kais Nashif, der am Filmfestival von Venedig den Preis für die beste Hauptrolle bekam. Oder die Anim.-Dokumentation «Another Day of Life». Der Film erzählt in einem geschickten Mix aus Animationen und dokumentarischen Bildern die Geschichte des brillanten polnischen Journalisten Ryszard Kapuściński. Dieser reiste 1975 als Berichterstatter in den Bürgerkrieg von Angola. Eine Reise, die Leben und Beruf von Kapuściński für immer verändern sollte. Der Film gewann vor einem Jahr am bedeutenden Filmfestival von San Sebastian den Publikumspreis. Ergänzend zum Film las der Schweizer Afrikaspezialist Ruedi Küng in der Buchhandlung Kunfermann in Thusis aus preisgekrönten Reportagen Kapuścińskis vor.
Ruedi Küng führte auch das Filmgespräch mit dem marokkanischen Regisseur und Autor Alaa Eddine Aljem. Dieser präsentierte seinen Spielfilm «Le Miracle du Saint Inconnu» in Thusis, der seine Premiere in Cannes im Rahmen der Semaine de la critique hatte. Eine absurde Groteske um den Gauner Amine, der seine Beute vor Jahren in der menschenleeren Wüste vergraben hatte und Jahre später an dem Ort ein Dorf vorfindet. Im Filmgespräch unterhielt Alaa Eddine Aljem das ebenfalls ausverkaufte Kino mit Anekdoten von den chaotischen Dreharbeiten, die fast noch witziger als der Film selbst waren.
Ruedi Küng und Alaa Eddine Aljem
Die Komödie «Le Miracle du Saint Inconnu» von Alaa Eddine Aljem ging dieses Jahr auch auf Tour durch Graubünden und wurde im Rahmen von «Weltfilmtage unterwegs» in Andeer, Avers, Bergün, Bivio, Flims, Lenzerheide, Savognin und Valendas gezeigt. In Zusammenarbeit mit dem Verein «Kulturregion Viamala – CALOTTA CULTURA» haben die Weltfilmtage Thusis das Projekt «Weltfilmtage unterwegs» entwickelt. Dabei wird ein ausgewählter Film aus dem Festivalprogramm als Vorpremiere an unterschiedlichen Standorten der Region Mittelbünden gezeigt. Nachdem in der ersten Ausgabe 2018 mit drei Spielorten gestartet wurde, haben sich diese im zweiten Jahr bereits mehr als verdoppelt.
Seit einigen Jahren sind die Weltfilmtage Thusis jeweils auch zu Gast im Cinema Sil Plaz in Ilanz. Dieses Jahr war diese Kooperation besonders fruchtbar und so konnten vier Filme des Programms der Weltfilmtage auch im Kino in Ilanz gezeigt werden, zudem ein ausgewählter Film eigens in Ilanz und die Regisseure Samir und Alaa Eddine Aljem präsentierten ihre Filme persönlich dem zahlreich erschienenen Publikum im Cinema Sil Plaz.
Auch dieses Jahr konnten die Weltfilmtage Thusis den Primarschulkindern der Region einen eindrücklichen Kinderfilm anbieten: «Supa Modo» des kenianischen Regisseurs Likarion Wainaina. Kindern und Jugendlichen der Region eigenwillige Filme zu ungewohnten Themen unentgeltlich nahezubringen, ist ein besonderes Anliegen der vier OrganisatorInnen der Weltfilmtage Regina Conrad, Notta Caflisch, Thomas Keller und Ueli Soom und des ehemaligen OK-Mitglieds Hans Hartmann, der die Kindervorstellungen in der Region auch betreut. Dieses Jahr besuchten 500 SchülerInnen der 3.-6. Klassen Hinterrhein, Schams, Domleschg und Heinzenberg (ohne Masein und Flerden) die Vorführungen in Splügen, Andeer, Filisur, Tamins und Thusis. Zudem besuchten rund 200 OberstufenschülerInnen von Paspels, Cazis und Thusis, die eigens für sie organisierte Vorstellungen des Films «Weil ich schöner bin» im Kino Rätia. Diese Filmvorstellungen, wie überhaupt alle Kinder- und Jugendfilme an den Weltfilmtagen wurden allesamt vom Förderverein Weltfilmtage finanziell ermöglicht.
Zum dreizehnten Mal an den Weltfilmtagen Thusis zeigte éducation21, das nationale Kompetenz- und Dienstleistungszentrum für Bildung für Nachhaltige Entwicklung in der Schweiz, eine Auswahl an Filmen, die für Unterricht und Bildungsarbeit besonders geeignet sind.
Jedes Jahr haben die Weltfilmtage eine Hilfs-Organisation zu Gast. Dieses Jahr HEKS, das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz. Mit seinen Projekten im Ausland und in der Schweiz setzt sich HEKS für eine menschlichere, gerechtere Welt und für ein Leben in Würde ein. Im Ausland fokussiert HEKS seine Tätigkeit auf die Entwicklung ländlicher Gemeinschaften, die humanitäre Hilfe nach Naturkatastrophen oder bei bewaffneten Konflikten und auf die kirchliche Zusammenarbeit. So auch in Indien, wo HEKS seit 60 Jahren tätig ist und diskriminierte Bevölkerungsgruppen wie etwa die kastenlosen Adivasi im Kampf um ihre Rechte unterstützt. Darüber hat die Schweizer Regisseurin Barbara Miller eine 40-minütige Dokumentation «Korenkombu» gemacht, die anlässlich der Weltfilmtage im Kino Rätia gezeigt wurde. Im Anschluss diskutierten die Regisseurin Barbara Miller und der HEKS Programmbeauftragte für Indien Adrian Scherler gemeinsam mit der Moderatorin Barbara Hirsbrunner über das Engagement von HEKS in Indien und über das bedrohte Leben der Adivasi. Zusätzlich fand im Kirchgemeindesaal während den sechs Festivaltagen eine von HEKS organisierte Fotoausstellung mit eindrücklichen Bildern aus Shatila vom Schweizer Reportage-Fotografen Christian Bobst statt.
Barbara Miller, Adrian Scherler und Barbara Hirsbrunner, Patrick Hohmann
Der Claro-Weltladen in Thusis unterstützte die 29. Weltfilmtage mit einem Apéro im Foyer des Kino Rätia und mit der Finanzierung der Vorführung des Films «Fair Traders». Ein Film, der nicht nur zum nachdenken anregt, sondern auch Freude und Zuversicht auslöst und so zum Handeln animiert. Im Anschluss des eindrücklichen Films sprach Luca Maurizio, Mitglied des Vorstand von Claro in Thusis, mit Patrick Hohmann, einer der Protagonisten im Film und Gründer der Schweizer Firma für Bio-Baumwolle Remei AG und der Stiftung bioRe, die sich unter anderem um faire Konditionen für die BaumwollproduzentInnen einsetzt.
Die Geschäftsführerin der bioRe Stiftung Christa Suter war Focus Gast 2019. Sie berichtete über die wissenschaftlichen Hintergründe der landwirtschaftlichen Forschung, über gentechfreies Saatgut und über wasserschonende Technologien im Anbau von Biobaumwolle. Weiter stellte sie Bildungs- und Gesundheitsprojekte der Stiftung bioRe vor.
Christa Suter
Zusammen mit den Schulvorstellungen besuchten gegen 5000 Zuschauerinnen und Zuschauer die 29. Weltfilmtage im Kino Rätia in Thusis. Damit wurde erneut ein neuer Publikumsrekord erreicht. Trotz des diesjährigen Erfolgs ist das Organisationskomitee um die Zukunft der Weltfilmtage besorgt. Im krassen Gegensatz zu den Publikumsrekorden während der Festivalwochen, stehen nämlich die sinkenden Eintrittszahlen während des regulären Filmprogramms unter dem Jahr im Kino Rätia. Das regionale Kinopublikum ist sich vielleicht zu wenig bewusst, dass die Weltfilmtage nur weiterhin möglich sind, wenn die Existenz des Kino Rätia gesichert ist und dessen Infrastruktur für die Weltfilmtage genutzt werden kann.
Finanziell sind die Weltfilmtage Thusis dank der Unterstützung des Fördervereins gesichert. Dieser wurde 2010 gegründet, als ausgerechnet zum 20-Jahr-Jubiläum die Weltfilmtage aus finanziellen Gründen ernsthaft in Frage gestellt waren. Das Festival sollte aber trotz abnehmender Unterstützungsgelder noch lange weitergeführt werden können. Rund 100 begeisterte Kinogängerinnen und Kinogänger sowie zahlreiche Sponsoren des Fördervereins helfen seither mit ihrem Beitrag das jeweilige Restdefizit zu decken und somit die Weltfilmtage langfristig finanziell abzusichern. Wir danken dem Förderverein zudem, dass er alle Schul-, Kinder- und Jugendvorstellungen unterstützt und allen unter 18-Jahren den Eintritt zu den Filmen am Mittwochnachmittag der 29. Weltfilmtage finanziert hat.
Ebenso geht der Dank an die Sponsoren der Weltfilmtage. Ohne deren Unterstützung, allen voran des SüdKulturFonds der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA, aber auch dem SwisslosFonds der Kulturförderung Kanton Graubünden und der Graubündner Kantonalbank, wäre die 29. Ausgabe der Weltfilmtage nicht möglich gewesen. Ein herzliches Dankeschön für die Zusammenarbeit auch an alle Helferinnen und Helfer im Kino Rätia, sowie an das Team der Kinobeiz mit Weltfilmtage-Koch Georg Pichler und an das Team von Nicole und Thomas Rüegg-Banzer im Hotel Weiss Kreuz, weiter der Spielgruppe Purzelbaum für den Kinderhütedienst und der Schule St. Catharina in Cazis für den Apéro – aus aller Welt.
Dem Cinema Sil Plaz in Ilanz und dem Verein Kulturregion Viamala danken wir herzlich für die schöne Zusammenarbeit für das Format Weltfilmtage Unterwegs und éducation21/Filme für eine Welt danken wir für die langjährige Zusammenarbeit. Trigon-Film danken wir herzlich für die Mithilfe bei Programm und Einladung von Gästen und artlink für die Finanzvermittlung und weitere Unterstützung. Weiter danken wir dem Festival International de Films de Fribourg FIFF und dem Internationalen Filmfestival Innsbruck IFFI für die gute Kooperation. Und ein herzliches Dankeschön auch an die lokalen und regionalen Medien, die auch dieses Jahr wieder über die wunderschönen Tage und Nächte der Weltfilmtage Thusis berichtet haben.
Die nächsten Weltfilmtage Thusis finden von 27. Oktober – 1. November 2020 statt, es sind die 30igsten, ein Jubiläum, das gebührend gefeiert wird.
Alle Fotos ©Thomas Keller